Udo Ulfkotte muss da mal was verbreiten

Der Chefaufklärer Udo Ulfkotte (Werke u.a. „So lügen Journalisten“, „Gekaufte Journalisten. Wie Politiker, Geheimdienste und Hochfinanz Deutschlands Massenmedien lenken.“) hat auf seiner Facebook-Seite einen Artikel der englischen Zeitung Express gepostet:

udo_1

Ein englisches Medium schreibt da also über einen geleakten BKA-Bericht, der eine steigende Zahl von Kriminalität durch Flüchtlinge nahelegt. Klar, das man da als Lügenpresse-Schreier auf solche Gedanken kommt:

 

udo_2

Oder auf so was:

 

udo_3

Oder auch:

 

udo_4

udo_5

udo_6

 

Ulfkotte legt ja auch schön nahe, dass die deutsche Medienwelt mal wieder etwas verheimlicht, vertuscht, unter den Tisch kehrt. Man möchte ihm zumindest Absicht unterstellen.

Denn schlägt man den von ihm verlinkten Artikel auf und liest etwas weiter als nur die Überschrift, fällt es wirklich schwer, das hier zu überlesen:

udo_8

Himmelherrgottnochmal, das ist der zweite Satz des Artikels. Das muss selbst Herrn Ulfkotte aufgefallen sein. Aber wie gesagt, wir unterstellen ihm mal Absicht, denn er hätte auch einfach auf den Beitrag von Spiegel Online verweisen können. Auf den Bericht, auf den sich der Express bezieht.

COMPACT berichtet über den SPIEGEL, vergisst aber zu recherchieren

Das Lügenmagazin Compact steht laut eigener Aussage für den „Mut zur Wahrheit“ und für „harte Recherche“. Am 20. Dezember titelten sie in ihrer Onlineausgabe prominent das hier:

compact_spiegel_titel

Dank willfähriger Gesinnungsgenossen verbreitet sich die Meldung nun recht schnell im Netz, u.a. war natürlich die größte Compactwerbeplattform, die Fake-Hacker von „Anonymous“, schnell zur Stelle:

anonymous_spiegel_FB

Okay, worum geht es? Ein mutmaßlicher IS-Kämpfer aus Bremen wurde Ende Juli am Bremer Flughafen festgenommen, als er aus Syrien zurückkehrte. Der Staatsanwaltschaft hat er einiges erzählt, was für die Sicherheitsbehörden interessant sein dürfte. So weit, so gut. Compact behauptet nun, der SPIEGEL würde diese Information zwar verbreiten, aber nur in englischer Sprache. Vermutlich, um dem „Pack“ diese Infos vorzuenthalten?

So steht es zumindest im Text:

compact_spiegel_text

Und auf ihrer Facebook-Seite steht es so:

compact_spiegel_FB

Wie auch immer, so richtig hart haben die Experten von Compact leider nicht recherchiert. Zwar ist es richtig, dass der Text auf Spiegel Online bislang nur in englischer Sprache steht – aber auf Deutsch erschien er dennoch, und zwar in der SPIEGEL-Ausgabe Nr. 51/2015, also vergangene Woche. Unter diesem Titel:

spiegel_shot

Also, dass der SPIEGEL da irgendetwas verheimlichen wollte, ist wohl eine nicht haltbare Behauptung. Vermutlich erscheint der Artikel demnächst auch online, das ist durchaus Praxis beim SPIEGEL.

Einige tausend Leser glauben also nun, das Magazin hätte ihnen eine wichtige Info vorenthalten wollen und sehen sich nun in ihrem Vorurteil „Lügenpresse“ bestätigt. Gut gemacht, Compact!

Nun wird es aber noch etwas witziger:

Bevor wir mit diesem Beitrag anfingen, haben wir auf der Facebookseite der angeblichen Hacker von Anonymous unter ihrem Post zu dem Compact-Beitrag einen Hinweis hinterlassen:

luegenpresse_kommentar_spiegel_engl.

„Schundblatt“ schrieben wir, weil zuvor der SPIEGEL als ebensolches bezeichnet wurde.

Nun wollen wir natürlich nicht behaupten, dass wir der Auslöser waren, aber – der Artikel auf compact.com lautet nun:

compact_korrektur_spiegel_titel

Der ursprüngliche Nachsatz „aber in englischer Sprache“ fehlt also nun und macht den Artikel etwas korrekter. Im Text hat sich auch etwas getan:

compact_spiegel_korrektur_text

Hört sich schon etwas langweiliger an, ist aber eben auch richtiger. Was leider bisher vergessen wurde ist der transparente Hinweis auf die Änderung des Titels und des Textes. Wir sind uns aber sicher, dass der auch nicht kommen wird. Compact-Leser wissen schließlich, dass Ihr geliebtes Lügenmagazin keine Fehler macht und stets sauber recherchiert.

P.S.: Die Facebookfans von Compact werden auch nach der Änderung des Titels mit der falschen Überschrift gelockt:

compact_facebook

P.P.S.: Dass der Compact-Artikel ursprünglich anderes lautete, sieht man auch an der URL des Beitrags, die nach wie vor lautet:

https://www.compact-online.de/spiegel-berichtet-ueber-drohenden-is-terror-in-deutschland-aber-in-englischer-sprache/

compact_url

 

Als „Anonymous“ mal was recherchieren wollte

Neulich berichteten wir darüber, dass die Fake-Hacker von „Anonymous“ einen großen Coup gelandet haben wollen: Sie „leakten“ mit Getöse ein Dokument. Das sollte beweisen, dass die Terrororganisation ISIS vom CIA gegründet wurde. Auf der Plattform VKontakte hatte jemand eine knifflige Frage zu dem 100-seitigen PDF:

anonymous_vk_1

Da hat sich also jemand tatsächlich das Ding heruntergeladen und geöffnet und angeschaut. Dabei ist sie augenscheinlich auf diese zahlreichen geweißten, sprich von der DIA zensierten, Stellen im Dokument gestoßen – ungefähr drei Viertel des PDFs sehen nämlich so aus:

dia_1

Oder so:

dia_2

Oder auch so:

dia_3

Diese weißen Felder sind gekennzeichnet mit: 50 U.S.C. § 3024 (i), 10 U.S.C. §424 oder auch 5 U.S.C. $552 (b)(1) – an dieser Stelle wiederholen wir noch einmal die Frage auf VKontakte:

anonymous_vk_2

Tja, woher soll „Anonymous“ das denn bitte wissen – dafür hätten sie ja die allererste Seite des PDFs lesen müssen, das sie angeblich studiert haben und woraus sie ja ableiten, „dass der Islamische Staat eine Kreatur des US-Auslands-Geheimdienstes CIA ist und es von Anfang der Plan Washingtons war den demokratisch gewählten Präsidenten Assad in Syrien zu stürzen.“

Denn auf Seite 1 steht doch tatsächlich, was diese Paragraphen bedeuten:

seite_1_dia-document

Da schreibt ein Paul J. Jacobsmeyer, dass einige Informationen des Dokuments der Geheimhaltung unterliegen. Zum Beispiel werden Geheimdienstquellen nicht genannt (50 U.S.C. § 3024 (i)) oder Stellen nicht veröffentlicht, die Geheimdienstmethoden offenbaren würden (5 U.S.C. § 552 (b) (1), Sections 1.4 (c)). Das U.S.C. ist übrigens der United States Code, die Sammlung des Bundesrechts der Vereinigten Staaten.

Wir können also einfach mal festhalten: Offenkundig hat „Anonymous“ den Bericht nicht gelesen.

 

Super gemacht: „Anonymous“ „leakt“ Dokument, das seit sechs Monaten verfügbar ist

5. Dezember 2015

Auf Facebook gibt es bekanntlich eine Seite, die sich „Anonymous“ (bis vor kurzem „Anonymous.Kollektiv“) nennt und steif und fest behauptet, irgendwie Teil des internationalen Hacker-Kollektivs Anonymous zu sein. Tatsächlich haben die Betreiber – oder der Betreiber – vermutlich noch nie etwas gehackt, aber immerhin reichen die Computerkenntnisse aus, um Facebook zu bedienen. Und das wird rege getan, meist wird gegen Flüchtlinge, gegen die USA oder gegen die NATO gehetzt und fröhlich für Russland gepostet – in bemerkenswerter Subjektivität, was die Seite nach deren eigener Definition zum Teil der Lügenpresse macht.

Heute überraschen die Fake-Hacker ihre Leser mit einem ganz gewaltigen Leak. Ein Dokument aus dem „US-Pentagon“ wurde online gestellt. Die Zeilen implizieren, dass dieser „Leak“ im Zusammenhang stehen soll mit dem Kampf von (den richtigen) Anonymous-Aktivisten gegen den IS, was die Tags #Leak, #OpISIS und #OpParis nahelegen sollen:

anonymous_leak

Das ominöse Papier beweist also angeblich, dass die USA den IS gezielt aufgebaut hätten. Und impliziert wird, die Leute der Facebook-Seite Anonymous hätten dieses Dokument mit Hilfe ihrer mannigfaltigen Hacker-Kenntnisse ergattert.

Okay, wo fangen wir an? „Weihnachten steht vor der Tür“, das stimmt. Aber im Satz danach fängt es schon an: Das Dokument 14-L-0552/DIA stammt nicht aus dem „US-Pentagon“, sondern von der DIA – der Defense Intelligence Agency, einer Art oberste Geheimdienstbehörde der Nachrichtendienste der US-Streitkräfte. Die DIA sitzt nicht im Pentagon, sondern hat ein eigenes Gebäude in Washington. Wenn „Anonymous“ das Schriftstück erhackt hätte, könnten sie doch auch sagen, wo sie es her haben.

Sie haben aber nichts gehackt, um daran zu kommen. Das Dokument 14-L-0552/DIA ist seit Mai frei verfügbar, mal auszugsweise, mal komplett – aber immer inkl. aller Zensur seitens der DIA. Es wurde nämlich seinerzeit von der amerikanischen Webseite Judicial Watch eingeklagt und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Des weiteren beweist 14-L-0552/DIA so gar nicht, dass „der Islamische Staat eine Kreatur des US-Auslandsgeheimdienstes CIA“ sei. Es liest sich vielmehr wie ein Lagebericht im Nahen Osten im Jahr 2012 (Dschihadisten da, Regierungstruppen hier) inkl. streng geheimer Informationen wie zum Beispiel, dass die syrisch-irakische Grenze etwa 600 km lang ist. Durchgedacht werden auch Szenarien wie „Wem würde ein Erstarken der Islamisten in Syrien nützen?“ oder „Welche Parteien (USA, Russland, China, al-Kaida etc.) stehen eher auf wessen Seite?“.

Im Übrigen wäre es ein Armutszeugnis für jeden Hacker, wenn er nur an die zensierte Fassung eines Berichtes gelangen würde. Ganz grob geschätzt sind etwa drei Viertel des Dokuments, dass „Anonymous“ hier so stolz präsentiert, geweißt, also leer. Und das, was zu lesen ist, ist kein Beweis dafür, dass die US-Regierung in irgendeiner Form den IS aufbaute oder gar plante. Interessanter wären die Stellen, die nicht lesbar sind, liebe Leute von „Anonymous“.

Für Interessierte: Diese Facebook-Seite beobachtet Fake-Anonymous.

Treffen Sie die Frauen, die Erdogans Sohn zum ISIS-Gründer machten

3. Dezember 2015

Das ist mal echt eine Meldung, die die Netzfrauen da gestern ziemlich exklusiv raushauten:

netzfrauen_bilal_erdogan

Der Sohn des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan hat die Terrormiliz ISIS gegründet! Das kann man hier angeblich alles nachlesen (Nachtrag: inzwischen steht da was anderes, siehe unten). Und die Systempresse berichtet mal wieder nicht.

Weil diese Meldung absolut hieb- und stichfest ist, haben die Kollegen von Epoch Times – eine dieser in Pegida- und AfD-Kreisen immer beliebter werdenden Vertreter der Wahrheitspresse – die Geschichte recherchefrei gleich komplett übernommen:

epochtimes_bilal_erdogan

(Das falsch geschriebene Wort „Recherche“ ignorieren wir großzügig.)

Ja, nun ist doch alles klar. Bilal Erdogan, Unternehmer und durchaus zwielichtige Gestalt, macht nicht nur Geschäfte mit dem Islamischen Staat – nein, er hat ihn gleich gegründet!

Die langatmige Story der Netzfrauen bezieht sich auf einen Artikel aus dem englischsprachigen Raum, der miserabel von den Autorinnen übersetzt wurde. Schauen wir doch mal, wie die Ursprungsgeschichte aussieht:

zerohedge_bilal_erdogan

Was müssen die Autorinnen von netzfrauen.org hyperventiliert haben, als sie den Artikel auf Zero Hedge entdeckten. Mit jämmerlichen Englischkenntnissen kann man den Eindruck bekommen, dort stünde tatsächlich, Bilal Erdogan sei der Gründer des sogenannten Islamischen Staates.

Zur Sicherheit gucken wir besser nochmal genau hin, bevor wir hier etwas Falsches behaupten. Da steht also: Meet The Man Who Funds ISIS: Bilal Erdogan, The Son Of Turkey’s President. Es ist eigentlich zu peinlich, darauf hinzuweisen, aber das englische Verb „to fund“ bedeutet so was wie „etwas unterstützen“, „finanzieren“, „fördern“. Die Übersetzerin, Patricia Kölb-Schur, hat also die Wörtchen „to found“ (etwas gründen) und „to fund“ verwechselt. Das ist schon die ganze Geschichte hinter dieser Geschichte, die gerade durchs Netz geht.

Nachtrag: Inzwischen heißt der Artikel bei Epoch Times „Öl-Schmuggel des IS: So ist Erdogans Sohn darin verstrickt“. Selbstverständlich wurden die Leser aber nicht über die Änderung aufgeklärt. Bei den Netzfrauen heißt es nach wie vor „Treffen Sie den Mann, der ISIS gründete“.

Nachtrag II: Jetzt gibt es auch eine Reaktion der Netzfrauen. In einer kurzen Mail wird uns mitgeteilt, sie hätten ihre Anwälte eingeschaltet – warum, wird nicht ganz klar. Auf jeden Fall müssen wir nun mit einer Klage rechnen, so ist die Nachricht wohl zu verstehen. Wir gehen davon aus, dass netzfrauen.org den Artikel inkl. glasklarem Übersetzungsfehler so belassen werden und damit dafür sorgen, dass Ihre Leser glauben, Bilal Erdogan wäre der Gründer des Islamischen Staates.

Nachtrag III: Mist, jetzt wurden wir von den Netzfrauen auf Facebook scheinbar geblockt.

Nachtrag IV: Nach einem, sagen wir mal, unnötigen Mailaustausch zwischen uns und der Obernetzfrau, in dem uns zunächst mitgeteilt wurde, ihre Anwälte wären schon mehr oder weniger auf den Weg zu uns, wurde der Eintrag auf netzfrauen.org nun (vermutlich am Samstag, 5.12.) endlich korrigiert:

netzfrauen_korr_bilal

Leider wurde vergessen, den Vorgang einigermaßen transparent zu machen. Wir gehen aber davon aus, dass das noch nachgeholt wird, schließlich wollen die Netzfrauen eine vertrauenswürdige, meinungsbildende Quelle sein.